
Wirklich wahr
Eine gewisse Angeregtheit von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" ist erkennbar: In Anna Rabes Vier-Personen-Stück „Ohne Netz“, das Ragna Kirck am Stadttheater Gießen uraufgeführt hat, suchen zwei Paare nach Entspannung und Wahrheit.
Ganz in Weiß betreten sie das weiße Ferienhaus, legen weiße Handtücher auf weiße Liegestühle, Johann behandelt seine Haut mit Lichtschutzfaktor. Weiß ist hier nicht die Farbe der Unschuld, sondern die Traumschiff-Farbe, und weil wir im Theater sind, ahnen wir, dass dieses verlogene Weiß bald Flecken bekommen und womöglich am Ende noch ganz unmöglich werden wird; der erste Kontrast ist die Whiskyfarbe des Getränks, das Silvia mit zunehmender Unruhe in sich hinein gießt.
In Anna Rabes Vier-Personen-Stück „Ohne Netz“, das jetzt in der Regie von Ragna Kirck am Stadttheater Gießen uraufgeführt wurde, suchen zwei Paare, die sich lange kennen und sich mit guten Gründen lange aus dem Weg gegangen sind, nach Entspannung und Wahrheit, bis am Ende eine Wahrheit, die sie nicht gesucht haben und die über die Maßen schrecklich ist, über sie hereinbricht, wobei die zwei abwesenden Kinder der zwei Paare die Hauptrolle spielen. Eine gewisse Angeregtheit von Albees Paar-Lügen-Klassiker „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ wird nicht kaschiert, die Dialoge sind von ähnlicher Lakonie, ohne eine ähnlich schneidende Eleganz zu erreichen.
Stärken und Schwächen
Die Zeichnung der Personen fällt eher lapidar als hintergründig aus. Ragna Kircks Regie will dem Stück gerecht werden. Sie beschränkt sich vornehm auf hermeneutisch und psychologisch angemessene Dialogdeutung und sorgt für gutes Timing und eine genaue Dosierung der emotionalen Zuspitzungs-Energien. Udo Herbsters Ausstattung bietet einen einfachen, dramatisch wirksamen Bühnenraum, in dem man hinter halbhohen Zwischenwänden noch sehen kann, wer sich wohin zurückzieht und was sich zusammenbraut, während vorn etwas anderes gespielt wird.
Der nicht ganz gerecht erfolgten Zeichnung der vier Figuren entsprechen die Stärken und Schwächen der Schauspieler, wobei Lena Sabine Berg (Silvia) und Rainer Hustedt (Johann) es leichter haben, weil ihnen mehr Geschichte und deutlichere Zeichen des Scheiterns zur Verfügung stehen, mit denen sie sich (ohne Netz) aufs dramatische Hochseil wagen können, um wirkungsvoll abzustürzen. Roman Kurz (Peter) und Kyra Lippler (Karla) müssen sich meist mit Klischees begnügen, die mühsames Gleichgewicht ermöglichen und gegen die sie nicht recht an kommen.
Existenzielle Situation
Der Titel „Ohne Netz“ spielt auf die existenzielle Situation der beiden Paare an, die einerseits mittelschichthaft konsolidiert erscheint, andererseits keinen wirklich großen Schritt vom Abgrund weg gekommen ist; auf einer zweiten Bedeutungsebene gibt es, ganz banal, keinen Handy-Empfang, was die beschränkte Kommunikation zwischen den beiden Paaren und ihren Kindern vollends kappt und damit die Katastrophe befördert.
Das Stück endet, lehrbuchmäßig, in dem Augenblick, als die Geschichte ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Die weißen Wände werden, während die vier erstarrt stehen, zur Projektionsfläche eines Tsunami, der keinen Stein auf dem anderen lassen wird. Das derart angedeutete Pathos prangt wie ein Sahnehäubchen auf einem Stück, das ansonsten aus Weißbrot ist.
Hans-Jürgen Linke, Frankfurter Rundschau, 28.02.2011